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Joachim Werner Schulte

* 12.09.1941
† 10.02.2023
Erstellt von
Angelegt am 14.02.2023
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Kondolenz

Ein Dankeschön

11.03.2026 um 00:13 Uhr von Nicole Ullerich
Ich hatte einmal einen Lehrer. Es war nicht mein erster, es war nicht mein letzter, es war nicht der netteste, beliebteste oder freundlichste. Er roch immer nach Kaffee, was ich irgendwie mochte. Er hatte einen eher trockenen Humor, den ich heute sicher besser verstehen würde. Aber damals mochte ich jedenfalls sein verschmitztes Lächeln, an das ich mich selbst heute noch erinnere, obwohl wir sein strenges Gesicht als Schüler doch eigentlich viel häufiger sahen. Ich hatte keine besonders heausragenden Noten und besonders mögen tat ich ihn auch nicht. Und wenn ich das so formuliert hatte, gab er sicher einen Punkt Abzug.
Aber irgendwann gestand ich mir ein, dass ich ihn doch mochte. Ihn vielmehr zutiefst schätzte. Aber da war er nicht mehr mein Lehrer. 
 
***
Es begann irgendwann in der Oberstufe. Bisher hatte ich ziemlich passable Noten. Bis wir diesen neuen Deutschlehrer bekamen. Er war wie besessen von Geschichte, insbesondere der Zeit um den Nationalsozialsimus. Nicht aufgrund seiner Ideologie, sondern weil für ihn alles miteinander verbunden war. Wie sollte man die Werke großer Schriftsteller verstehen, wenn man ihren zeitgeschichtlichen Hintergrund nicht kennt? Also verband er den Deutschunterricht mit Geschichte, die für uns greifbar war; sehr zu unserem Leidwesen. Und dann nutzte er plötzlich Worte, die wir nicht kannten. Und anstatt uns gemäß dem Motto "völlige Sicherheit bei absoluter Ahnungslosigkeit" seinen Worten hinzugeben, mussen wir ihm plötzlich Rede und Antwort stehen... Wie wütend er werden konnte, wenn wir die Antwort nicht kannten!
Er wäre nie sauer geworden, hätten wir schlichtweg nachgefragt, wenn wir etwas nicht wussten. Doch die Arroganz und Unsicherheit Heranwachsender erlaubt es ihnen zumeist leider nicht, diese wichtigen Fragen zu stellen.
Es folgten schlechte Noten. Die ich weder verstand noch akzeptieren konnte. Also fragte ich doch nach. Und verstand einigermaßen.
 
In den folgenden Jahren lernte ich so viel!
 
Anstatt verschachtelter Sätze, in denen man gar nicht mehr weiß, wo nach dem Anfang das Ende kam oder wenn man zwischendurch einen Gedanken hatte, man diesen Gedanken eingefügt hat und dann kam doch noch ein weiterer Gedanke, der einen am Ende doch vom ersten Gedanken abgebracht und zu einem weiteren gebracht hat und schließlich hatte man sein erstes Ergebnis, aber der erste Satz des Aufsatzes belief sich inzwischen schon über eine halbe DIN A4 Seite... (na, wird klar, worauf ich hinaus will?)...
Meine erste Lektion war also: Mach mal einen Punkt!
Das sollten sich viele Menschen zu Herzen nehmen.
Ich lernte schließlich, Aufsätze so zu gliedern, dass ich im Studium eine anständige Diplomarbeit zustande brachte. 
Ich lernte, unsere Grammatik von Grund auf zu verstehen. Hätte es die Rechtschreibreform nicht zwischenzeitig gegeben, wäre ich eine Meisterin der Kommasetzung. Und zwischendrin gab es immer mal wieder ein wenig Geschichtslehre.
Die Krönung war der Literaturkurs.
Auch hier kam mir leider nicht zugute, dass ich gerade in der Oberstufe war. Zu beschäftigt, zu cool, zu verliebt, zu bekümmert, zu faul oder zu unsicher für schulische Verpflichtungen jeglicher Art.
Dennoch haben wir hier einiges geschaffen und ich habe die ersten Zeilen in Reimform verfasst. Und es waren nicht die letzten.
 
Ich habe seither für viele Menschen etwas geschrieben. Meistens kleine persönliche Gedichte, einmal sogar eine kleine Geschichte.
Meinen Kindern habe ich die Geschichten gar nicht erst aufgeschrieben, sondern sie abends am Bett sogleich erzählt. Immer mit der mahnenden Stimme im Ohr: Mach mal einen Punkt! Und denk an die Gliederung!
Einleitung, Hauptteil, Fazit.
Wobei das Fazit bei den Sprösslingen zumeist im Schnarchen unterging und sich am nächsten Tag in der Einleitung wiederfand...
 
Es ist so schön, Menschen mit Worten Freude zu bereiten. 
 
Ich mag das geschriebene Wort, es hat Bestand. 
Man kann Briefe hervorkramen und sie immer und immer wieder lesen und sich daran erfreuen. Wie auch an Büchern.
 
Nach meinem bestandenem Abschluss schlenderte ich über einen Bücherbasar und entdeckte und erwarb zwei wunderschöne kleine rote, gebundene Bücher. Gedruckt in altdeutscher Druckschrift. "Der Schiller Roman". Das war irgendwann nach 2002. Ich habe seit dieser Zeit niemals in diesen Büchern gelesen.
Ich hatte sie nicht für mich gekauft. Ich wollte sie meinem Lehrer zum Dank für seine Leistungen als Lehrer schenken. Als eine Wertschätzung. Und vielleicht auch als Erinnerung an eine Schülerin, die nicht immer ein Grund zur Freude war. 
 
Eine Schülerin, an die er sich eher an die kleine Schwester des klügeren großen Bruders erinnert hatte. Die Schülerin, die manchmal geschwänzt oder dem Unterricht unter dem Einfluss von Substanzen beigewont hat. Die seine Worte nicht ernst genug genommen, seine Lehre nicht wert genug geschätzt hat.
Eine Schülerin, die sich heute wünschte, sie hätte besser zugehört.
 
Seit diesem Bücherbasar haben die Bücher drei weitere Städte gesehen, mehr als doppelt so viele Umzüge erlebt.
Viele Male hielt ich sie in den Händen, hatte bereits Briefe verfasst, um sie endlich dem rechtmäßigen Eigentümer zukommen zu lassen. Dessen Existenz ich verifiziert hatte. Er schien neben und sogar nach seinem Lehramt tatsächlich noch eine nicht unbedeutende Daseinsberechtigung zu haben. Was eigentlich klar war.
 
Was mich am Ende aufhielt, die Bücher endlich zu verschenken? Bisweilen war es die Angst, nicht die richtigen Worte zu finden. Mit meinen Worten nicht dem Mann gerecht zu werden, der für mich der Inbegriff von literarischer und schlichtweg allgemeiner Bildung war. Es war auch die Sorge, was er denken könnte über meine Auswahl der Bücher. Ich hatte sie ja nicht einmal gelesen, sondern nur nach ihrer Optik ausgewählt.
Schließlich traf ich ihn einmal beim Einkaufen. Inzwischen hatte ich einen guten Beruf, war in einer glücklichen Beziehung und stolze Mama! ... Und fühlte mich dennoch wie eine nervöse Schülerin, die ihrem Lehrer etwas zu beweisen hat und nicht die richtigen Worte findet.
Was soll ich sagen?!? Das hat mich wohl davon abgehalten. Und vielleicht war es auch Trägheit. 
 
Nun halte ich die Bücher zum wiederholten Male in den Händen, nachdem ich wieder einmal recherchiert habe, wie es meinem Mentor geht und mir endlich vorgenommen habe, ihm diese Bücher mit ein paar unbedeutenden, aber ehrlichen Worten zuzusenden. Vor allem diesen: "Danke, dass Sie mich das Schreiben gelehrt haben."
Leider musste ich bei dieser Recherche lesen, dass es drei Jahre und einen Monat zu spät für ein Dankeschön ist.
 
***

Ich hatte einmal einen Lehrer. Er war nicht mein erster, er war nicht mein letzter. Er war nicht der netteste, beliebteste oder freundlichste - er war gefürchtet.
Dieser Lehrer hieß Joachim Werner Schulte. Einer der besten Lehrer, den die EMA je hatte. Und es war der beste Lehrer, den ICH je hatte. 

Und auch, wenn er es nicht mehr hören kann, sage ich DANKE
 
PS: Und ich habe wieder etwas gelernt: Prokrastination kann traurig enden.
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Gedenkkerze

Ken Horche

Entzündet am 21.02.2023 um 10:59 Uhr

Kondolenz

RiP lieber Joachim

20.02.2023 um 17:12 Uhr von Andreas Müller-Paul

Joachim hat mich vor fast 35 Jahren im LK und in einem Nebenfach durchs Abitur begleitet, er war im besten Sinne fordernd und fördernd - ich bin ihm sehr dankbar. Ihn lange Jahre danach wiederzusehen war eine große Freude.

Allen Angehörigen mein tiefes Mitgefühl, ich bin sehr traurig, ein wertvoller Mensch ist gegangen.

Andreas Müller-Paul

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Gedenkkerze

Andreas Müller-Paul

Entzündet am 20.02.2023 um 16:25 Uhr

Kondolenz

Liebe Familie Schulte

18.02.2023 um 10:55 Uhr von G.Solibida

Für alle die Ihn kannten noch unfassbar. 

In stillem Gedenken an einen liebenswerten Menschen 

G.Solibida 

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